Sturm von Sturmeck, Jakob

Aus Encyclopaedia Germanica

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Jakob Sturm von Sturmeck, geboren 1489 in Straßburg und gestorben ebd. am 30. Oktober 1553, war ein Stettmeister der Stadt Straßburg und ein Förderer der Reformation.

Leben

Als sich der junge Matthäus Zell in Freiburg an der Universität die Würde eines magister artium (Lehrer der Künste) erwarb, wurde diese gleichzeitig auch einem anderen Elsässer zuteil. Das war der aus einem der ältesten Straßburger Adelsgeschlechter stammende Jakob Sturm. Wenn es nach dem Willen von Sturms Mutter gegangen wäre, hätte sich der junge Magister dem geistlichen Stande gewidmet. Die Eltern hatten aller Erdenkliche getan, um schon dem Knaben das allerbeste an Ausbildung zu geben. Geiler v. Kaysersberg, der in dankbarer Erinnerung behalten hatte, daß der Vater der Mutter Sturms, der Ammeister Peter Schott, ihn einst nach Straßburg gezogen hatte, war an der Erziehung des Knaben beteiligt gewesen, gemeinsam mit Jakob Wimpfeling, dem bedeutendsten Schulmann, den das Elsaß damals besaß. Beide hatte ihre helle Freude an ihrem Zögling gehabt, Wimpfeling ihm sogar mehrere Schriften gewidmet, darunter eine "Von der Unbescholtenheit", in der er ihn vor bösem Umgang warnte und ihm aufs Gewissen legte, wie sowohl seine vornehme Abkunft wie seine persönliche Würde ihn zu reinem Lebenswandel verpflichte. Er hatte ein durch Arbeit und Gebet geregeltes Leben ihm als besten Schutzwall gegen fleischliche Lüste empfohlen. Die Saat, die Geiler und Wimpfeling in das Herz ihres Schülers gestreut hatten, war auf guten Boden gefallen und trug vielfältige Frucht. Soviel Gegner Sturm im Leben später haben sollte; die makellose Unantastbarkeit und Sittenreinheit des Mannes hat niemand in Zweifel ziehen können. Und auch sonst mögen seine reichen Anlagen und Gaben durch den Umgang mit den beiden hervorragenden Männern, die sich ihm widmeten und deren Liebe er gewann, sehr gefördert worden sein, insbesondere sein frommer Sinn.

Es waren zwei Welten, in die er früh eingeführt wurde: die Welt des Christentums und die Welt des Humanismus, und er blieb Zeit seines Lebens in beiden zu Hause. Freilich, was ihm in Freiburg auf der Hochschule an theologischer Kost gereicht wurde, ließ ihn gänzlich unbefriedigt. Es erschien ihm später "ausgesonnen, den Geist der jungen Leute mit Gewalt zu ruinieren und ihre kostbare Zeit totzuschlagen". Das war, wie man sagt, "zum Davonlaufen", und Sturm lief auch allmählich davon! Er wandte sich von der Theologie ab und der Rechtswissenschaft zu. Das war eine schmerzliche Enttäuschung für seinen Lehrer Wimpfeling, dessen hervorragendster Schüler er gewesen war und der von ihm für die Erneuerung der Kirche Großes erwartet hatte. "Bin ich ein Ketzer, so habt ihr mich zu einem gemacht" hielt Sturm seinem der Reformation abgeneigten Lehrer entgegen, als dieser ihn anflehte, sich weiter zur alten Kirche zu halten.

Nach Straßburg zurückgekehrt war Sturm sehr bald der Leiter der Straßburger Politik und bekleidete wiederholt das Amt des sog. Stettemeisters. Es ist eine vielgehörte Rede, daß die Politik den Charakter verderbe. Auf Jakob Sturm trifft sie jedenfalls nicht zu. Der vielgewandte Diplomat und große Staatsmann, zu dem er heranreifte, hat seine Erfolge nie durch Preisgabe seiner persönlichen Überzeugung erkauft, er blieb in all dem Wirrwarr von Intrigen, von dem er umgeben war, der Mann, der sich in seinem Gewissen gebunden wußte. Hohen Zielen ordnete er sein Leben und seine Politik unter. Seiner Vaterstadt erkämpfte er die führende Stellung in Oberdeutschland. Alle, die sich zum Evangelium bekannten, suchte er zu einigen. In der Kirche sollte der Grundsatz der Gewissensfreiheit gelten. Als eine Stätte der Duldung und Freiheit sollte Straßburg Christen verschiedener Glaubensart offen stehen. Die Kirche sollte mit der Bildung ihrer Zeit im Bunde bleiben. So wurde er in Straßburg der Vater der Volksschule und Gründer des heute nach ihm benannten Protestantischen Gymnasiums. Es sollte der Kirche aber auch nicht an einer festgefügten Ordnung fehlen. Daher half er eine solche schaffen. Als Deutscher die Gefahr, die dem elsässischen Grenzlande vom Westen her drohte, klar erkennend, suchte er Straßburg "zu einer starken Vormauer des ganzen Rheinstroms zu machen."

Unbeugsam war er, wo es galt, das Recht der Verkündigung des Evangeliums zu verteidigen. Den zum Regensburger Reichstag (1528) abgeordneten Straßburger Gesandten gab er die Weisung mit auf dem Weg:

Des Glaubens halb sollen die Gesandten in nichts bewilligen..., so dem Worte Gottes zuwider ist, sondern darneben aller möglichen Fleiß anwenden, daß, was nach vermögen des göttlichen Wortes Bestand hat, aufgerichtet und, was dem zuwider, abgestellte werde. So aber dem entgegen etwas beschlossen werden wollte, als dann sollen die Gesandten mitsamt andern dem Evangelio anhängig dawider protestieren.

Sturms Bereitwilligkeit, seine Kräfte in den Dienst dieser seiner protestantischen Politik zu stellen, kannte keine Grenzen. Zwischen 1525 und 1552 hat er 91 Mal als Gesandter Straßburgs an Verhandlungen teilgenommen, so auf den beiden Reichstagen zu Speyer (1526 u. 1529) und auf dem zu Augsburg (1530). Der zur Wahrung der evangelischen Interessen gegründete Schmalkaldische Bund war mit sein Werk. Über seine hohe Staatskunst und seine hinreißende Beredsamtkeit gab es unter Freund und Feind nur eine Meinung; auch der Kaiser Karl V. konnte ihm die Achtung nicht versagen. An Ehrungen fehlte es ihm überhaupt nicht. Aber er blieb auch in den Tagen des Erfolges ein demütiger Christ von ungeheuchelter Bescheidenheit. Einem befreundeten Geschichtsschreiber verbot er, seine Person irgendwie in den Vordergrund zu stellen. Sein Gottvertrauen hielt ihn in schweren Stunden aufrecht: "Gott will allein der sein, auf den man sich verlassen kann." Große Sorge bereitete es ihm, daß so oft das große Anliegen des Kommens des Reiches Gottes mit eigensüchtigen menschlichen Wünschen vermengt wurde.

Weil man nicht aufrichtig auf die Religion und den Willen Gottes sieht, sondern andere Sachen in die Religion mischt und durch die Religion Land und Leute gewinnen will, so schickt es Gott also, daß eben diese Anschläge, dadurch wir vermeinen, groß zu werden, uns zum Verderben gereichen.

Duldsamkeit lag ihm sehr am Herzen:

Es wäre wider die brüderliche Liebe, Jemandem, der den gemeinen (gemeinsamen) Christum mit uns bekennet, ob er schon in einem Artikel mehr in Worten denn im Grund mit uns nicht einhellig wäre, keine Gunst zu erzeigen.

Hetzereien auf der Kanzel waren ihm daher ein Greuel:

Die Prediger sind wohl auch Menschen, die ihren Gemütsbewegungen unterworfen sind, doch sollten sie nicht zur Unzeit des Menschen verraten auf der Kanzel, wo nur der heilige Geist vernommen werden soll.

Drei Prediger und drei Professoren der von ihm gegründeten Schule trugen seinen Sarg auf den Friedhof. Sinnbild dafür, wie ein Vollbürger im Reiche evangelischen Glaubens und im Reiche feiner, deutscher Bildung mit Straßburgs Staatsmann dahingegangen war. Straßburgs größten Sohn hat ihn ein Geschichtsschreiber unserer Tage genannt.

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