Goethe, Johann Wolfgang von

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Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28. August 1749 zu Frankfurt am Main und gestorben zu Weimar am 22. März 1832, war eins der größten Dichtergenies aller Zeiten. Sein Vater, Johann Kaspar Goethe, war Doktor der Rechte und kaiserlicher Rat zu Frankfurt.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Die Selbstbiographie Goethes legt dar, wie des Vaters praktischer Verstand und Kunstliebe, der Mutter poetisch bewegliche Natur, eine würdige häusliche Umgebung, sowie die Vaterstadt mit ihren Monumenten und Sehenswürdigkeiten, das rege Leben der jährlich wiederkehrenden Messen und die Aufführungen eines Puppentheaters im väterlichen Hause bildend und begeisternd schon auf das Gemüt des Knaben wirkten, der durch schnelles Ergreifen, Verarbeiten und Festhalten bald dem Unterricht vorauseilte.

Graf Thorenc

Goethe hatte sein achtes Jahr angetreten, als der ihn mächtig anregende Siebenjährige Krieg ausbrach. Bald fand er Gelegenheit, sein Kunsturteil zu üben, indem bei der Besetzung Frankfurts durch die Franzosen der Königsleutnant Graf Thorenc, der im Hause von Goethes Eltern Quartier erhielt, für ihn Neigung faßte. Der kunstliebende Provençale beschäftigte mehrere Maler, unter anderen Johann Konrad Seekatz von Darmstadt, und bald entwickelte Goethe soviel Verständnis für die Malerei, daß er auch wohl seine Meinung abgeben durfte; ja er beschrieb in einem Aufsatze zwölf Bilder, welche die Geschichte Josephs darstellen sollten, von denen auch einige ausgeführt wurden.

Die Anwesenheit der französischen Truppen verschaffte Goethe die Gelegenheit, das Französische praktisch zu lernen; sein Sinn für das Dramatische erhielt durch den Besuch eines in Frankfurt spielenden französischen Theaters eine neue Richtung. Solche Anregungen wirkten vielfach auf sein dichterisches Vermögen, wie einige Zeit vorher die Lektüre der ersten Gesänge des Klopstockschen Messias.

Mit den Jahren entwickelte sich immer mehr die Universalität seines Geistes. Zeichnen, Musik, Sprachkunde, Untersuchung natürlicher Gegenstände, das Hebräische und die damit verbundene Kenntnis der Bibel, endlich eigene poetische Versuche beschäftigten ihn abwechselnd, ließen ihm jedoch noch hinlänglich Zeit, auch im bürgerlichen Leben Erfahrungen zu erwerben, namentlich da der Vater ihm die Besorgung mancher Geschäfte übertrug. Durch die Freundinnen seiner Schwester kam er früh in Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Auch dies darf als Entwicklungsmoment nicht übersehen werden. Die Gretchen-Episode in seiner Lebensgeschichte kann als Symbol einer Knabenliebschaft gelten.

Aufenthalt in Leipzig

Bereits juristisch vorgebildet begab er sich Michaelis 1765 auf die Akademie, und zwar nach dem Willen seines Vaters nach Leipzig, wo am 19. Oktober seine Inskription als Student der Rechte bei der nach dem Kriege neu aufblühenden Universität erfolgte. Indes waren es von den Professoren nur Ernesti und Gellert, denen er sich besonders zuwandte. Ihre Vorträge gehörten zu dem Gegenkursus, den er dem Studienplane seines Vaters entgegenstellte. In den philosophischen Vorlesungen kam es ihm wunderlich vor, daß er die Geistesoperationen, die er von Jugend auf mit größter Bequemlichkeit verrichtet, so vereinzeln und gleichsam zerstören sollte, um den rechten Gebrauch davon einzusehen. Den juridischen Kollegien fühlte er sich bald entwachsen, und schon damals gewann er die Ansichten, welche er nachher in der Schülerszene des Faust sdo drastisch entwickelt hat.

In Leipzig, wo zu dieser Zeit Gottsched noch nicht allen Einfluß verloren hatte, war die Vorliebe für französische Muster herrschend, die Ästhetik in den unberufensten Händen und in den Verhältnissen ringsum nichts, was die Phantasie eines Dichters hätte befruchten können. Daher sah sich Goethe auf sich selbst angewiesen, und hier begann diejenige Richtung, von der er sein ganzes Leben hindurch nicht abweichen konnte, indem er das, was ihn erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht verwandelte, um sowohl seine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen als sich im Innern zu beruhigen. Die Gabe hierzu war niemand nötiger als ihm, den seine Natur aus einem Extrem ins andere warf. Alles, was von ihm bekannt geworden, sind daher gleichsam nur Bruchstücke einer großen Beichte, welche seine Biographie zu vervollständigen gesucht hat. Aus persönlichen Erfahrungen entstand damals Die Laune des Verliebten, ein Schäferspiel, welches, in Alexandrinern abgefaßt, zwar noch dem Geschmack der Gellertschen Periode huldigt, jedoch durch Zartheit der Motive und der Sprache über sie weit hinausgeht.

Dem jungen Dichter boten der Aufenthalt zu Leipzig, dem er in seiner Selbstbiographie einen der interessantesten Abschnitte gewidmet, und gewisse Vorgänge in seiner Vaterstadt Gelegenheit zu der Wahrnehmung, wie Religion, Sitte, Gesetz, Stand und Verhältnisse nur die Oberfläche des städtischen Daseins beherrschen, sodaß alles im Äußeren reinlich und anständig, im Inneren aber desto wüster sei. Um der durch diese Beobachtung veranlaßten düsteren Stimmung Herr zu werden, entwarf er mehrere Schauspiele, von denen jedoch nur Die Mitschuldigen erhalten sind. Auch dies Stück ist in Alexandrinern geschrieben und lehnt sich in der Form an das Molièreschen Lustspiel an. Dies zeigt sich besonders in der frühesten der drei uns erhaltenen Bearbeitungen, in welcher der burleske Ton überwiegt.

Der Aufenthalt in Leipzig war ein großer Gewinn für Goethe; er trat hier in den Mittelpunkt der deutschen literarischen Bewegung, Lessings Minna von Barnhelm und auf anderem Gebiete dessen Laokoon gaben seinem Geiste eine neue Richtung, seine süddeutsche Natur berührte sich hier mit dem geschulteren norddeutschen Geiste und er erhielt dadurch die Durchbildung, deren er bedurfte, um ein universeller Schriftsteller zu werden. Durch Öser wurde er in Winckelnmanns Kunstanschauungen eingeweiht, und bei einem Ausflug nach Dresden durch die dortigen Kunstschätze sein artistischer Sinn höher belebt. Er zeichnete bei Öser, radierte in Kupfer bei Stock, nahm teil an dramatischen Aufführungen, dichtete ohne Unterlaß, sang, blies die Flöte, und dieser künstlerischen Vielseitigkeit entsprach die Reichhaltigkeit seiner geselligen Beziehungen.

Durch manche diätetische Unbesonnenheit zig er sich indes eine Krankheit zu, von welcher er kaum genesen war, als er, durch Erfahrung und Beobachtung gereift, Ende August 1768 Leipzig verließ. Seine gestörte Gesundheit, die auch im elterlichen Hause nicht sogleich wieder ins Gleichgewicht gelangte, führte ihn zu einem neuen wichtigen Durchgangspunkte seines Lebens, indem er sich auf das Studium von allerlei mystisch-chemisch-alchimistischen Werken legte, auch sich eine eigene Religion konstruierte. Man erkennt hierin den natürlichen Gegensatz zu seinem Leben in Leipzig, einen notwendigen Gärungsprozeß, nach dessen Abklärung seine Betrachtungsweise eine mehr innerliche und gemütvollere werden sollte, als sie bis dahin und namentlich in Leipzig gewesen war.

Aufenthalt in Straßburg

In Straßburg, wohin Goethe ging, um seine juridischen Studien zu vollenden, machte nicht diese, sondern Chemie und Anatomie und den Besuch des Klinikums zu seiner Lieblings- und Hauptaufgabe. Um ihn sammelte sich hier ein großer Kreis strebender Jünglinge. Am folgenreichten wurde jedoch für die Verbindung mit Herder. Sie rief in seinen ästhetischen Ansichten eine vollkommene Umwandlung hervor; seine Vorliebe für das Französische, welche noch in Leipzig Nahrung gefunden hatte, verlor sich seltsam genug hier an der französischen Grenze. Shakespeare und die gotische Baukunst, das deutsche Volkslied und Ossian, Sterne und Goldsmith begannen auf ihn mächtig zu wirken.

Das von ihm selbst mit dramatischer Lebendigkeit geschilderte Liebesverhältnis mit Friederike Brion in Sesenheim beflügelte seine dichterischen Kräfte. Nach seiner Promotion am 6. August 1771 kehrte er nach Frankfurt zurück, um zunächst unter die Bürger und Advokaten der Stadt aufgenommen und dann im Sommer 1772 bei dem Reichskammergericht zu Wetzlar beschäftigt zu werden.

Wetzlar

Hier sollte er die äußere Anregung zu seinem Werther finden. Von beiden Orten aus knüpfte er jetzt und später literarische Verbindungen an, so namentlich mit Merck in Darmstadt, F.H. Jacobi in Pempelfort, Klinger und Lavater. Die Bekanntschaft mit Lenz und H.L. Wagner datiert schon aus Straßburg. Als Organ der neuen, wesentlich auf Hamann und Herder zurückzuführenden Ideen gar er damals (1772) mit diesem, Merck, seinem späteren Schwager Schlosser u.a. die Frankfurter gelehrten Anzeigen, außerdem anonym den Aufsatz Von deutscher Baukunst und zwei Flugschriften theologischen Inhalts heraus, nachdem schon früher (1770) sein Freund Breitkopf in Leipzig seine erste Liedersammlung, ebenfalls anonym, publiziert hatte.

Doch lenkten erst sein Götz (zuerst 1773, dann 1774), die ebenfalls ohne den Namen des Verfassers erschienen, die Aufmerksamkeit von ganz Deutschland auf ihn. Diese beiden Erstlingswerke begründeten, unter dem Widerspruch der älteren Generation, zugleich mit kleineren Stücken, dem Clavigo, der Stella, mehreren Singspielen, Fastnachtsstücken und Gedichten in dem von ihm wieder belebten Hans Sachsschen Tone, die nach einem Stücke Klingers banannte Sturm- und Drangperiode, als deren extremste Vertreter dieser und Lenz gelten können, während der erste Teil von Goethes Faust sie am vollendesten ausdrückt. Auf Goethes Werther speziell folgte die Periode der Empfindsamkeit.

Vertreter der Deutschheit

So ertstand in jener Zeit des Rationalismus und des französischen Geschmacks Goethe plötzlich als das lebendige, über äußere Regeln sich erhebende Genie, als Vertreter der Deutschheit, der Naturwahrheit und der lauteren Empfindung, eines nur durch inneres Maß gebändigten Subjektivismus.

Aufenthalt in Weimar

Der Herzog von Sachsen-Weimar, Karl August, machte auf einer Reise Goethes persönliche Bakanntschaft und lud ihn, als er 1775 die Regierung angetreten hatte, an seinen Hof ein. Goethe, der kurz vorher mit den Brüdern Stolberg die Schweiz bereist und dort Lavater besucht hatte, folgte dieser Einladung und kam am 7. November 1775 in Weimar an. Der Besuch verwandelte sich in einen dauernden Aufenthalt, aus dem Dichter wurde ein Staatsbeamter. Der Herzog ernannt ihn zum Geheimen Legationsrat mit Sitz und Stimme im Geheimratskollegium und 1779 zum Geheimrat.

Reise nach Italien

Im Herbst desselben Jahres bereiste er in Gesellschaft des Herzogs zum zweiten Mal die Schweiz. Nachdem er 1782 Kammerpräsident und geadelt worden war, unterbrach er im Sommer 1786 das Geschäftsleben auf längere Zeit, um in Italien Erholung zu suchen. Die Reise dorthin, welche sich bis nach Sizilien erstreckte, besonders der längere Aufenthalt in Rom (bis 22. April 1788), wurde epochemachend für seine geistige Ausbildung, für Gewinnung höherer Kunstansichten, eines sich daraus ergebender klassischen Kunststils und einer alle Reiche der Schöpfung organisch verbindenden Naturlehre.

Iphigenia kam hier zur Reife, Egmont wurde vollendet und Tasso ausgearbeitet. Zu den in Rom gemachten Bekanntschaften gehört die des Schweizers Heinr Meyer, der bis zu seinem Tod ihm als treuer Freund und Gehilfe im Gebiet der Kunstkritik und Kunstgeschichte zur Seite stand. Die Metamorphose der Pflanzen erschien alsbald nach der Rückkehr (1789), die Beiträge zur Optik folgte (1791 und 1792).

Nach einem nochmaligen Aufenthalt in Oberitalien, besonders in Venedig (1790), und einer Reise nach Schlesien (im Sommer desselben Jahres), wohnte Goethe im Jahr 1792 in Begleitung seines Herzogs dem Feldzuge in Frankreich und 1793 der Belagerung von Mainz bei. Er schloß dann (1794) den ewig denkwürdigen Bund mit Schiller, den nur der Tod löste. Das weimarische Theater, welchem Goethe 1791-1817 vorstand, bildete die Stätte ihrer gemeinsamen Tätigkeit. Spät erst, am 19. Oktober 1806, vermählte er sich mit Christiane Vulpius, mit welcher er schon am 13. Juli 1788 eine Gewissensehe eingegangen war.

Er rückte 1815 zum ersten Staatsminister auf, jedoch beschränkte sich seine amtliche Tätigkeit mehr und mehr auf die Anstalten für Wissenschaft und Kunst. Im regsten persönlichen und brieflichen Verkehr mit seinen Zeitgenossen lebte er, beglückt durch das heiterste Alter und im Besitz der Achtung des gebildeten Europa, unausgesetzt den Studien der Natur, der Kunst und seinen poetischen Arbeiten bis zu seinem in Weimar am 22. März 1822 erfolgenden Tode. Seine Leiche ruht in dem fürstlichen Erbbegräbnis.

Perioden des Lebens Goethes

Die Periode des äußeren Lebens Goethes hängen mit den Perioden seines Dichterlebens aufs innigsten zusammen. In diesem unterscheidet man deren füglich drei, die man

  • die sentimental-naturalistische,
  • die klassische und
  • die auf das Bedeutsame gerichtete typische,

nennen kann.

Die sentimental-naturalistische Periode

Götz, ein Drama voll treuherziger altdeutscher Einfalt, aber auch geistigen Schwunges und Freiheitsinnes, und der schwärmerische, leidenschaftlich sentimentale Werther waren, welche in der ersten Periode allgemeine Bewunderung erregten. Unleugbar benutzte der Dichter bei Werther und Götz, wie später bei vielen anderen Werken, ein äußerlich Gegebenes, dort das Schicksal des jungen Jerusalem und die Liebe zu Lotte (Charlotte Buff, verehelichte Hofrätin Kestner, gestorben als Witwe am 16. Januar 1828), hier die Selbstbiographie des mannhaften Götz.

Ebenso liegen dem Slavigo (1774) die Memoiren von Beaumarchais zugrunde. Dennoch zeigt sich Goethes Erfindungsgabe in diesen Dichtungen auf eine merkwürdige Weise. Es scheint, als sei alles aus unmittelbarer Anschauung oder Empfindung in einem Gusse hingeströmt, mehr ein Naturgewächs als ein Werk der Kunst. Das proteusartige Talent Goethes, sich in die Zustände anderer einzuleben und ihr Dasein mitzuempfinden, ließ ihn freilich auch manchen Mißgriff tun, so in der mit einer Doppelehe endigenden Stella (1776) und später (1792)im Großkophta, welche Stücke jedoch der Wahrheit der Charakteristik nicht ermangeln.

Um so reiner, gefühlsinniger erscheint in dieser Periode Goethe in seinen Liedern und Romanzen, in denen zuerst wieder der verklungene Volkston herrscht. Betrachtet man alles von ihm in dieser Lebensperiode Geschaffene genauer, so sieht man, daß es volksmäßig war und daß er die Deutschheit, für welche Lessing bereits männlich gekämpft hatte, glücklicher erreichte als die um jene Zeiten auflebenden neuen Barden. Dieses Volksmäßige konnte aber nur als Opposition gegen das Herkömmliche durchgeführt werden.

Die klassische Periode

Nach Götz und Werther verflossen 12 Jahre, ohne daß man von Goethe viel Bedeutendes vernommen hätte. Desto größer war die Überraschung, als er 1787-90 acht Bände gesammelter Schriften herausgab. Zwischen der Werken der damit bezeichneten neuen und der ersten Periode hatte ein Übergang stattgefunden, in welchem Goethe durch Ironie sich selbst gereinigt und die streitenden Kräfte seines Wesens, unter dem Einflusse seiner weimarischen Umgebung, mildernd zur Harmonie gestimmt hatte.

In diesen Zwischenzustand gehören mehrere komische und satirische Erzeugnisse, unter anderem der Thriumph der Empfindsamkeit (1777). Mit ihnen trat er aus der Vergangenheit des vorigen Zeitalters und erhob sich auf einen höheren Standpunkt. Spielend ergötzte er sich da oft noch an dem Leben und Treiben unter ihm, im Tone seines Jahrmarkt zu Plündersweilern (1774), worin er dem Leben die heitere Seite abgewann. Mit einer solchen objektiven Weltanschauung trat er dem Gebiet der reinen Schönheit immer näher, jenem klassischen Geiste, welcher als die schöne goldene Frucht seiner italienischen Reise erscheint.

Zwar war ein Entwurf der Iphigenia in rhythmischer Prosa schon aus früherer Zeit (1779) vorhanden, auch ein zwei Akte umfassender Entwurf zum Tasso (1784) aber die vollendete Form, worin sie uns jetzt entgegentreten, verdanken sie der harmonischen Stimmung, sie sich seinem Gemüt unter dem italienischen Himmel mitteilte. Der unvergleichliche Zauber der Sprache, die Melodie des dramatischen Jambus in beiden Stücken sind bis jetzt unerreicht geblieben. Beide Dramen lösen die schwierige Aufgabe, die dramatischen Konflikte mit Verschmühung aller äußeren Handlung auf dem rein psychologischen Gebiete sich auskämpfen zu lassen und die Handlung allein in die Charaktere zu verlegen.

Dieser Periode der Reise und Idealität gehören außer dem schon 1775 begonnenen Egmont, in dessen Volksszenen eine gesunde Realität die ideale Haltung des Ganzen durchbricht, noch die beiden Hauptwerke Wilhelm Meister (1794-96) und Hermann und Dorothea (1797) an. Sie erschienen in der Zeit des Bundes mit Schiller. Wilhelm Meisters Lehrjahre geben mit Benutzung freimaurerischer Tendenzen, den Humanitätsideen des 18. Jh. vollen Ausdruck, indem sie bestimmte Individuen in ihrer Entwicklung zu Menschen im höheren Sinne schildern.

Auch in diesem Roman spiegelt sich jene Universalität des Goetheschen Geistes, welche noch großartiger im Faust, der Frucht seines ganzen Lebens, zur Erscheinung kommt. Das Höchste und Tiefste, das Lieblichste und Rührendste, was eine menschliche Brust bewegen kann, ist im Faust niedergelegt, durchdrungen von der tiefsten Poesie. Gerade darum, weil dieses Weltgedicht in seinem innersten Kerne deutscher gefühlt und gedacht ist als sonst ein poetisches Erzeugnis der deutschen Nation, hat es eine kosmopolitische Stellung und Bedeutung gewonnen.

Zu dem Epos Hermann und Dorothea ist zwar der Stoff dem Buche Ausführliche Historie Emigranten oder vertriebenen Lutheraner aus dem Erzbistum Salzburg (Leipzig 1732) entlehnt, zugleich aber durch die Veränderung des geschichtlichen Hintergrundes und die geistige Belebung des trockenen Materials die schöpferischste Dichterkraft erprobt: sie ist es, welche, in Verbindung mit typischer Behandlung der Charaktere, diesem Gedicht vielleicht den höchsten allgemeinmenschlichen Wert unter allen Werken Goethes verleiht.

Gegen das Ende der zweiten Periode seines Dichterlebens gab Goethe zugleich mit Schiller mit den Xenien (1796), einer Sammlung polemischer Zeitgedichte, die Losung zu einer neuen poetischen Epoche. Die enge Verbindung mit Schiller, über welche der Briefwechsel beider willkommene Aufschlüsse gibt, war nicht ohne Einfluß geblieben. Gleichwohl konnte es scheinen, als sei die schaffende Kraft in ihm nicht mehr dieselbe wie früher. Geothe bearbeitete Voltaires Mahomet und Tancred (1802), und nur in seinen Romanzen und Liedern schien die alte Eigentümlichkeit und Fülle sich zu erhalten. Seine Natürliche Tochter (1804), ein Spiegelbild der Französischen Revolution, wurde nicht vollendet und ließ die Menge kalt, obschon sie nach Gehalt und Form zu den reifsten Werken des Meisters gehört.

Dagen erschien er in der vollständigen Ausgabe des ersten Teils des Faust (1808) und in den Wahlverwandtschaften (1809) ganz wieder als der reiche schöpferische Geist von ehedem. Unstreitig gehört jener Roman der Komposition und Darstellung nach zu dem Vollendetsten, was die deutsche Literatur in dieser Gattung besitzt, und mit Unrecht hat man seinen sittlichen Wert darum angezweifelt, weil zwischen dem tragischen Inhalt und der ganz objektiv-leidenschaftslosen Aufwallung erhabenes hinstellt. Insbesondere verdient hier noch erwähnt zu werden Goethes Selbstbiographie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1811-14), in welcher er sich mit Offenheit und der Wahrheit gemäß aussprach und nicht nur sich selbst, sondern auch seine Zeit mit wunderbarer Treue zeichnete, zugleich aber die Wirklichkeit nach den Gesetzen historischer Kunst behandelte.

Viel leistete Goethe in dieser Periode für die bildenden Künste, als deren höchstes Vorbild ihm bis zuletzt die Antike galt, für Schauspielkunst und für Naturbeobachtung, sowie für wissenschaftliche Kritik, und zwar nicht bloß als Schriftsteller, sondern auch unmittelbar eingreifend. Wichtig waren in dieser Hinsicht die weimarischen Kunstausstellungen, die Programme und Aufsätze der Weimarischen Kunstfreunde (Goethe und Meyer) und das weimarische Theater, eine Pflanzschule der Kunst, wie sie nur bei Goethes Maximen und liberaler Gesinnung gedeihen konnte. Vielfach hat Goethe durch dies alles, bald selbst ausführend, bald anregend, durch Lehre und Beispiel auf seine Nation gewirkt und auf allen Gebieten die höchsten Gesichtspunkte zur Geltung gebracht.

Die typische Periode

Die Werke Goethes aus seiner dritten und letzten Lebensperiode haben zur tieferen Erkenntnis seines Geistes wesentlich beigetragen. Der Dichtung und Darstellung gehören unter ihnen an der Westöstliche Divan (1819) und der Roman Wilhelm Meister Wanderjahre (1821 und 1829). Mischt sich in die lyrischen Ergüsse das Divan schon durch die Beziehung auf arabische und persische Muster die Reflexion, so ist der die sozialen Probleme der Zeit behandelnde und sich mit dem Saint-Simonismus berührende Roman gerade in seinen Hauptbestandteilen didaktisch.

Auch in dem, was zur Fortsetzung der Lebenserinnerungen des Dichters gegeben worden ist, demnächst auch in einzelnen Gedichten, welche als heitere Unterbrechungen des ernsten Vortrags die rein wissenschaftlichen Werke zieren, tritt das Lehrhafte hervor. Der Zweck dieser letzteren Werke ist Kunst und Naturstudium.

Die Wissenschaft hatte an Goethes Tätigkeit mehr und mehr denselben Anteil gewonnen, wie die Dichtung und Darstellung. Das Studium der Natur zumal erfüllte sein ganzes Leben, und es gibt keine dahin gehörige Disziplin, der er völlig fremd geblieben wäre. Seine Entdeckungen, wie der Nachweis des Os intermaxillare beim Menschen (1784) und die Herleitung der Gehirnbildung aus einem Rückwirbel (1790), reihen ihn ebenso den ersten Naturforschern aller Zeiten an wie seine allgemeine Naturansicht, welche, früher unverstanden, auf geologischem Gebiet zuerst durch Lyells, auf morphologischem durch Darwins und Haeckels Forschungen bestätigt worden ist und die neuere Zeit beherrscht. Ebenso ruht die neue Botanik auf Goethes Metamorphose der Pflanzen (1790). Dagegen hat die neuere Wissenschaft sich mit seiner Farbenlehre (1810) nicht zu versöhnen vermocht.

In allen Werken der letzten Periode, den künstlerischen wie den wissenschaftlichen, zeigt sich Goethe in wachsender Übereinstimmung mit dem Leben und mit den Gegenständen des Forschens. Vorzugsweise der bildenden Kunst gewidmet war die Zeitschrift Die Propyläen (mit H. Meyer herausgegeben 1798-1800), der Kunst und der Literatur Kunst und Altertum (1816-32), worin ältere und neue Werke zu fortwährender Anregung für neue Schöpfungen gleicher Art besprochen wurden, dagegen der Natur die periodisch erscheinenden Schriften Zur Naturwissenschaft und Zur Morphologie (1817-24). In der Kunst zeigt sich Goethe in dieser Periode als erklärter Gegner der mittelalterlichen Tendenzen, namentlich des sogenannten Nazarenertums.

Den Abschluß seiner gesamten dichterischen Tätigkeit bildet der zweite Teil des Faust. Die Arbeit daran fällt in die Jahre 1824 bis 1831. Goethe läßt Faust durch rastlose Tätigkeit für hohe Zwecke gerettet werden. Er hinterließ seiner Nation dies Evangelium der Tat als sein letztes Vermächtnis.

Goethe gehört zu den wenigen bevorzugten Sterblichen, denen es gelang, sich und ihr Leben sozusagen bis auf den letzten Pinselstrich zu vollenden. Selbst das höhere Alter weist im Buche seines Lebens kein leeres Blatt auf. Wie seine Erscheinung im Alter an die eiens olympischen Jupiters erinnerte, so verglich man den jugendlichen Goethe mit einem Apollo. Das Attribut dämonisch, welches Goethe außerordentlichen Geistern zu erteilen liebte, paßt auf ihn und seinen Einfluß, den er in engeren und weiteren Kreisen ausübte, vollkommen, und wenn er da, wo ihm eine Persönlichkeit oder Erscheinung als etwas Fremdartiges gegenübertrat, durch Kälte und Ruhe zugleich imponieren und abstoßen konnte, so kam auf der anderen Seite nichts dem Zauber gleich, womit er die Herzen und Geister derer zu fesseln wußte welche sein Wesen in irgendeinem Punkte angenehm berührten. Dies zeigt auch sein Verhältnis zu Schiller, dem er anfangs in kühler Ruhe gegenüberstand, um ihn dann, nachdem er seinen Wert erkannt, eng an sich heranzuziehen, bis sich jene freundschaftliche Sympathie und jenes neidlose Zusammenwirken entwickelte, wie es zum zweiten mal nicht gefunden wird.

Phänomenartig und ohne Beispiel erscheint die Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit des Goetheschen Geistes, der, wohin er sich auch wendete, Mustergültiges schuf. Die Lyrik baute er an von der leichtesten, fröhlichsten Gattung bis zum tief empfundenen Liede, bis zur erhabensten und gedankenreichsten Ode. Er dichtete Elegien im Sinne der Alten und Neuen; Romanzen und Balladen, bald naiv und lieblich, bald schaurig und furchtbar; Idyllen voll Innigkeit und Gefühl; bald schäkernde, bald witzige Epigramme und Gnomen und Sinngedichte voll erhabener und praktischer Lebensweisheit. Das Drama bearbeitete er in fast allen Gattungen, die innerhalb dieses Gebiets als möglich gedacht werden können, ebenso das Epos von der idyllischen Gattung an bis zur heroischen in dem Bruchstück seiner unvollendeten Achilleis. Den deutschen, auf die höhere gesellschaftliche Bildung berechneten Roman begründete er zuerst.

Der Ästhetik, die von jetzt an als Vollenderin des Lebens und der Poesie erschien, wies er eine neue Bahn an, und wenn in seinen Nachfolgern das Prinzip, die Ästhetik habe mit der Sittlichkeit gar nichts zu tun, zu einem wahrhaften Despotismus gelangte, so ist hieran Goethe am wenigsten schuld. Vielmehr erscheinen seine ästhetischen Ansichten und die Art, wie er sich praktisch in seinen Dichtungen anwendet, nur als ein durchaus notwendiger Rückschlag gegen den Rigorismus, womit früher die Alleinherrschaft einer engherzigen, die Schönheit ausschließenden Moral behauptet wurde.

Was durch ihn die deutsche Sprache, namentlich die früher einerseits gesetzlose, andererseits allzu konventionelle deutsche Prosa gewonnen hat, ist unberechenbar. In seinem Alter finden wir ihn immer noch mit Glück tätig auf dem Gebiet der literarischen und artistischen Kritik, und namentlich weisen seine Bestrebungen für Begründung einer Weltliteratur auf eine Zukunft hin, die sich gegen den Schluß seines Lebens hin erst in spärlichen Symptomen ankündigte. Auch kann man ihm nicht vorwerfen, daß er bei diesem Streben antinational verfahren sei, da er vielmehr entschieden aussprach, zur Vermittlerin jener Weltliteratur sei keine andere Literatur so geschickt und berufen als die deutsche.

Um diese Weltliteratur zu begründen, horchte er im höheren Alter mit einer fast ängstlichen Spannung auf die Stimmen des Auslands hin, welche über deutsche Literatur soch wohlwollend äußerten; mit demselben Eifer suchte er die Deutschen mit allen Erscheinungen bekannt zu machen, welche ihm für die neuesten geistigen Entwicklungen des Auslands die charakteristischsten und wichtigsten zu sein schienen. Waren ihm zuletzt die Talente des Auslands, eines Byron, W. Scott, Béranger, Tegnér vielleicht anziehender als die einheimischen, so blieb doch die Sünde, die Entwicklungen des deutschen Nationalgeistes überhaupt zu verkennen und nur gegen das Ausland und das Altertum, nicht aber gegen die Heimat kosmopolitische Gesinnung zu haben, erst seinen Verehrern und Nachfolgern in der literarischen Hegemonie vorbehalten.

Konnte man ihm Indifferenz gegen die politische Entwicklung der Zeit, insbesondere gegen die Erhebung 1813, und die Bewunderung Napoleons nicht ohne Grund zum Vorwurf machen, so durfte man dabei die Rücksichten nicht vernachlässigen, welche ein so gewaltiger und um die vaterländische Literatur so unermeßlich verdienter Mann in Anspruch zu nehmen hat. Häufig begegnet man bei ihm einer freieren Ansicht politischer Dinge von seinem sehr kosmopolitischen Standpunkt als bei vielen seiner Gegner, welche vom deutsch-nationalen urteilen.

Von der mächtigen Wirkung, welche Goethe im In- und Ausland geübt, gibt einen Begriff die umfangreiche Literatur, welche sich über ihn während seines Lebens, noch mehr aber nach seinem Tod aufgehäuft hat und sich in immer wachsendem Verhältnis vermehr. Aber auch ihm hat es nicht an Gegnern gefehlt. Aus früherer Zeit sind zu nennen der rationalistisch-prosaische Nicolai, Kotzebue und der pietistisch-verschrobene Pustkuchen; aus späterer Zeit W. Wenzel, Börne, dessen geistreiche Einseitigkeit wenigstens ehrlich war, der gleichsam auf Goethe eifersüchtige Gutzkow und politische Widersacher wie Ruge und Gervinus; aus neuester Du Bois-Reymond, welcher Goethe die ihm eingeräumte Stellung als eines der ersten Naturforscher von Gesichtspunkten der modernen mechanisch-mathematischen Empirie nicht zugestehen will.

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