Dietrich, Dominikus

Aus Encyclopaedia Germanica

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1620-1694

Das Leben dieses Mannes war bestimmt durch die große Schicksalswende, die das Elsaß gegen Ende des 17. Jahrhunderts erlebte. Sie brachte viel innere Not. In ihr hat sich als einer der Treuesten der Treuen bewährt der Straßburger Ammeister Dominikus Dietrich.

Wie einer seiner Vorgänger, Jakob Sturm, stammte auch Dominikus Dietrich aus einer begüterten, angesehenen Familie. Auf der 1621 gegründeten Hochschule seiner Vaterstadt und auf auswärtigen Universtitäten hatte er sich eine gründliche Bildung angeeignet, war dann schnell zu Amt und Würden gekommen und hat fünfmal die hohe Stellung eines Ammeisters bekleidet, zum ersten Mal bereits mit 40 Jahren. In der Bürgerschaft erfreute er sich großen Ansehens. Ein Versuch, dies Vertrauen in hinterhältiger Weise zu untergraben, mißlang. Im Winter 1671-72 wurden nämlich in vier Sprachen Schmähschriften verbreitet, in denen er des Ehebruchs, des Meineids, der Veruntreuung öffentlicher Gelder und der geheimen Absicht, die Stadt den Franzosen zu verraten, bezichtigt wurde. Lange konnte man den Täter nicht auf die Spur kommen. Dann entdeckten man ihn in der Person eines bei der Stadt angestellten Rechtsgelehrten Dr. Georg Obrecht, dessen unlautere Machenschaften Dietrich in einem früheren Fall aufgedeckt hatte und der sich nun an seinem Vorgesetzten zu rächen suchte. Obrecht bekam die ganze Strenge der damaligen Gesetzgebung zu spüren: er wurde hingerichtet.

Ein Jahrzehnt später - Dietrich war damals nicht regierender Ammeister - wurde Straßburg französisch. Im Münster versammelte sich zum letzte Male die evangelische Gemeinde am 28. September 1681 und stimmte Luthers Bußlied an "Aus tiefer Not schrei ich zu Dir". Nicht lange, nach dem die französischen Truppen Straßburg besetzt und die alte freie deutsche Reichsstadt mitten im Frieden dem Reiche geraubt hatten, setzte auch hier mit Hilfe von Jesuiten und Kapuzinern das Werk der Gegenreformation ein. Den Übertretenden wurde dreijährige Befreiung von Einquartierung und Abgaben zugesichert, Kinder konnten schon mit 7 Jahren ohne den Willen ihrer Eltern übertreten. Die Erfolge entsprachen aber nicht den Erwartungen. Da hoffte man, schneller zum Ziele zu kommen, wenn man alles darauf anlegte, Dietrich zum Übertritt zu bewegen. Bei dem Ansehen, das er genoß, war die Erwartung begründet, daß dann viele Bürger seinem Beispiele folgen würden.

Für die Durchführung dieses Planes setzte sich ein der Sohn des 1672 enthaupteten Obrecht, der Professor der Geschichte Dr. Ulrich Obrecht. Er war von der evangelischen zur katholischen Kirche übergetreten und nunmehr Vertrauensmann der französischen Regierung geworden. Sehr vorsichtig ging man zu Werke. Dietrich erhielt einen Brief des französischen Ministers Louvois mit der Aufforderung, er solle binnen acht Tage nach Paris kommen, der König wolle mit ihm über städtische Angelegenheiten sprechen. Dietrich war sehr überrascht, könnte sich keinen rechten Vers darauf machen, was man von ihm wollte, glaubte aber denen nicht, die dahinter den Willen erkannten, ihn zum Katholizismus zu bekehren. In Paris angelangt, ließ man ihn weiter lange im Unklaren über den Zweck seiner Reise. Er war sich dessen bewußt, daß eine Verfehlung die Ursache nicht sein könne. "Ich habe mich in meinen Ämtern so guberniert, daß man mir nicht an die Haut hat kommen können". Daß man etwas wider ihn im Schilde führe, ward ihm freilich klar, und was dies war, konnte ihm allmählich auch nicht verborgen bleiben. Drang man doch in ihm - freilich vergeblich! -, sich mit dem damals sehr berühmten, wie ein Kirchenvater verehrten Bischof von Meaux, Bossuet, in ein Religionsgespräch einzulassen, was Dietrich ablehnte. Mehr als ein Vierteljahr lang hat man ihn warten lassen und sich in Schweigen gehüllt; endlich, Anfang Juli 1685, trat ihm der Minister Louvois bei einem öffentlichen Empfang mit der aufgeschlagenen Bibel entgegen. "Leset hier den Willen Eures Königs!" Er zeigte ihm die Stelle 1. Makk. 2, 17-18.

Dietrich las laut vor: "Die Hauptleute des Antiochus sprachen zu Mattathias: "Du bist der Vornehmste und Gewaltigste in dieser Stadt und hast viele Söhne und eine große Freundschaft; darum tritt du zuerst hin und tue, was der König geboten hat, wie alle Länder getan haben und die Leute Judas und die, so noch zu Jerusalem sind, so wirst du und deine Söhne einen gnädigen König haben und begabet werden mit Gold und Silber und großen Gaben". Der bibelfeste Bürgermeister aber schlug das Blatt um und sagte: "Die Fortsetzung der Stelle enthält meine Antwort." Dann las er noch die Verse 19-21 vor: "Das sprach Mattathias frei heraus: Wenn schon alle Länder dem Antiochus gehorsam wären und jedermann abfiele von seiner Väter Gesetze und willigte in des Königs Gebot, so wollen doch ich und meine Söhne und Brüder im Bunde unserer Väter wandeln. Da sei Gott vor: das wäre uns nicht gut, daß wir von Gottes Wort und Gottes Gesetz abfielen".

Die Antwort seiner Gegner auf dies mannhafte Bekenntnis war die Verbannung nach Guéret, einem armseligen Gebirgsdorf in einer fanatischen katholischen Umgebung. Seinen evangelischen Diener, den Dietrich dorthin mitgenommen hatte, mußte er sofort entlassen. Völlig sollte die Vereinsamung des von seiner Familie getrennten, aus der Heimat verbannten 65jährigen Mannes sein, der nun, an Gicht und Ischias leidend, ohne irgendwelche liebevolle Pflege, sehr schwer an seinem Lose trug. Die traurigen Briefe, die er nach Hause schrieb, erweckten bei den dortigen Jesuiten neue Hoffnung, ihn doch noch mürbe machen zu können. War es nur auf schriftlichem Wege von dort aus möglich, auf Dietrich einzuwirken, so hatte der Pfarrer eines Nachbarortes täglich Gelegenheit, auf Dietrich einzureden. Dieser aber blieb allen Lockungen und Drohungen gegenüber unzugänglich. Er rechnete zwar damit, daß ihm noch Schwereres bevorstehe, und fürchtete, daß seine Gegner nach seinem Tode das falsche Gerücht ausstreuen würden, er sei schließlich doch in den Schoß der "alleinseligmachenden Kirche" zurückgekehrt. Deshalb setzte er sein Glaubensbekenntnis auf:

Ich Dominikus Dietrich von Straßburg, bezeuge hiermit vor Gott, dem Allmächtigen, daß ich in meinem Gewissen versichert bin, glaube und erkenne, daß die evangelische Religion ungeänderter Augsburgischer Konfession, unmaßen dieselbe in unsern, den lutherischen Kirchen (wie man sie gemeiniglich zu nennen pflegen) gelehrt wird, dem alleinseligmachenden Worte Gottes ganz gemäß ist, und daß ich deswegen einige Skrupel oder Zweifel nicht habe, sondern besagter evangelischer Religion mit Mund und Herzen beipflichte; auch bei diesem Bekenntnis bis in meinen Tod beständig und fest zu verbleiben und zu verharren, also nimmermehr davon abzuweichen, sondern darauf zu leben und zu sterben fest entschlossen bin, als der ich durch Gottes Gnade aus seinem heiligen Wort soviel erlernt und eine solche Wissenschaft (ohne Anmaßung unziemenden Ruhms) erlanget, daß wenn ich von solcher Religion sollte abfallen, ich meinem lieben Gott wider mein Gewissen würde untreu und ein falscher Heuchler, mithin vor dem Richterstuhle Christi ewig verdammt werden, nach desselben klarer Aussage, Matth. 24,51: "Der Herr wird denselbigen Knecht zerscheitern und wird ihm seinen Lohn geben mit den Heuchlern. Da wird sein großes Heulen und Zähneklappen". Zu mehrerer Bekräftigung und Bestätigung dieser meiner festen Resolution habe ich gegenwärtig Attestat meines Glaubens und Bekenntnisses mit eigener Hand geschrieben und mein gewöhnlich Petschaft dazu gedruckt, zu so gewisser Urkund, als wenn es in dem letzten Augenblicke meines Lebens und mit meinem Blute geschrieben wäre. Und das sonderlich deswegen und zu dem End, daß wenn nach Gottes unerforschlichem Willen, ich etwa an einem solchen Orte würde oder müßte sterben, da niemand, so meiner Religion zugetan, bei mir sein und Zeugnis von meiner Beständigkeit könnte oder dürfte (gestalten allereit den Diener, so ich bei mir hatte, weil er meiner Religion war, von mir wegzuschaffen bei Ansetzung der Strafe von 1.000 Livres für mich und den Galeeren für den Diener mich genötigt hat), solche meine Standhaftigkeit bei der evangelischen Religion dennoch hierdurch möge erwiesen und männiglich kund gemacht werden, mithin alles widrige Fürgeben, so man mir etwa andichten oder von mir ausgeben möchte, als ungegründet vernichtet und hintertrieben werde. Actum Guéret dans la Marche, den 4. April 1686. Dominikus Dietrich.

Dietrichs Gegner hatten die Hoffnung, ihn zu bekehren, immer noch nicht aufgegeben. Hatte man auf gradem Wege nichts erreicht, warum sollte man nicht Umwege versuchen? Jener Priester, dessen Besuche bisher nichts gefruchtet hatten, bat nun brieflich Dietrichs Frau, ihn doch bei seinen Bemühungen, ihren Gatten aus seinem jetzigen Elend zu befreien, zu unterstützen. "Ihr würdet nicht die einzige Frau sein, der sich Gott zur Bekehrung ihres Gatten bedient hat. Denkt an die Mutter des Augustin, an die des Konstantin, an die Gattin des Chlodwig!" Er wartete vergebens auf eine Antwort aus Straßburg. Wohl aber fand Frau Dietrich nun einen Weg, um ihren Mann wenigstens für zwei Monate dorthin zurückzubringen. Im Dietrichschen Hause hatte im Jahre 1681 die französische Kronprinzessin, eine bayrische Kurfürstentochter, freundliche Aufnahme gefunden. Durch ihre Vermittlung wurde erwirkt, daß Dietrich für zwei Monate Urlaub erhielt, sich in Straßburg aufzuhalten; danach sollte er sich nach Vesoul begeben. Nach einem Aufenthalt von 2 ¾ Jahren konnte Dietrich das ungastliche Guéret nunmehr verlassen. Sechs Wochen brauchte der jetzt 68jährige zur Heimreise, deren Strapazen durch winterliche Kälte sehr verstärkt waren.

In Straßburg war man erschrokken, wie hinfällig er aussah. Man mußte ihn in einer Sänfte nach Hause tragen. So war die Freude des Wiedersehens gedämpft. Den alten Mann drängte es nun auch wieder hin zum evangelischen Gottesdienst, den er die ganzen Jahre schmerzlich vermißt hatte. Man holte ihn dazu feierlich ein. Das wurde übel vermerkt. Er war überhaupt von Spähern umgeben. Dietrich bat dann den Rat sich für Verlängerung seines Urlaubs zu verwenden. Er wies darauf hin, "er sei an allen Gliedern gänzlich enervieret, könne ohne Stab nicht mehr gehen, Gehör und Gedächtnis falle ihm von Tag zu Tag, wegen zugestandenen Zitterns, Schwindels und Leibesunpäßlichkeit könne er seine Geschäfte unmöglich in so kurzer Zeit zu Ende bringen." Er bittet nun, "daß ihm von Ihrer Königlichen Majestät die allermildeste Klemens (Gnade) gewährt werden möge, diese wenige Zeit, welche etwa der höchste Gott zu seinen alten Jahren noch beisetzen möge, auch nach Zerfließung des allergnädigsten gesetzten Termins bei den Seinigen völlig zu enden und zu schließen." Der Rat nahm sich seines um die Stadt hochverdienten Mitgliedes an, aber die Antwort des französischen Ministers lautete: "Der König war überrascht, durch Euren Brief zu vernehmen, daß Ihr mich um eine Verlängerung des Termins oder eine völlige Erlaubnis für Herrn Dietrich bittet. Seine Majestät will nichts ändern und er muß dem Befehl, den Sie erlassen hat, gehorchen."

So blieb nichts anderes übrig: nach zwei Monaten mußte Dietrich in seinen zweiten Verbannungsort Vesoul abreisen. Dieser hatte ein besseres Klima, auch eine dem Verbannten weniger feindlich gesinnte Bevölkerung. Aber der Mangel an ausreichender Pflege beschleunigte den Verfall der Kräfte des zu Tode Gehetzten. Nun endlich gab man freilich in Paris die Hoffnung auf, Dietrich von seiner Kirche abtrünnig zu machen. Ihm wurde schließlich die Rückkehr nach Straßburg gestattet, jedoch nur unter der Bedingung eines ständigen Hausarrestes. Auch durfte er in seiner Wohnung nur Glieder seiner Familie empfangen. Als sein Peiniger Louvois starb, wurden diese einschränkenden Bestimmungen aufgehoben. Zwar untersagte man ihm, den Ratssitzungen beizuwohnen, aber sonst durfte er sich frei bewegen, soweit ihm dies sein Befinden noch gestattete. Regelmäßig ließ er sich in einem Tragstuhl in die Kirche bringen, "bis er nachgehend die Kräfte nach und nach, wie auch die Sprache verloren, so daß er nichts als Ach und Weh hatte sagen können und dann endlich den 9. März 1694, morgens um 2 Uhr, wie ein Lichtlein ausgelöscht, seines Alters 74 Jahr, 1 Monat, 11 Tage, verschied."

Für die Trauerfeier hätte der Pfarrer keinen besseren Text wählen können: er legte seiner Rede Hebr. 10,23 zugrunde "Laßet uns halten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; der er ist treu, der sie verheißen hat." Kein lobendes Wort über Dietrich durfte gedruckt werden. Man fürchtete auch noch den Toten, wie der Lebende in der Festigkeit seines Bekennertums und in der ungebeugten Kraft seiner Leidenswilligkeit eine Macht gewesen war, gegen die schließlich alle Gewalt des französischen Staates nicht hatte aufkommen können. Dietrichs Treue stärkte viele, die sonst vielleicht die Kraft zum Widerstande nicht mehr aufgebracht hätten. Über seinem Grabe leuchtete es: "Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn, nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn liebhaben." (Jak. 1,12)


Quelle: Otto Michaelis, Elsässische Gestalten

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