Christentum
Aus Encyclopaedia Germanica
Das Christentum ist eine abtrünnige Richtung des Judentums; sie ist diejenige Religion, welche in Jesus von Nazareth den Christus, d.h. den Gesalbten Gottes erkennt.
Inhaltsverzeichnis |
Jesus als Messias
Da auch die anderen Juden einen „Christus” (Messias) erwarteten, so beruht der ursprüngliche Unterschied des Christentums vom Judentum zunächst in der Anerkennung oder Nichtanerkennung Jesu als des den Vätern verheißenen Messias. Dagegen ist der Name Christen oder Christianer für die Bekenner Jesu ebensowenig von den Christen selbst als von den Juden aufgebracht worden, sondern kam zunächst in heidnischen Kreisen, nach der Angabe der Apostelgeschichte bei den Griechen in Antiochia, jedenfalls in Syrien oder Kleinasien, im Umlauf, bis er von den Bekennern Jesu als Ehrenname aufgenommen wurde.
„Nazaräer”
Von den Juden wurden die stammverwandten Christen lange Zeit nur als „Nazaräer” oder „Minäer” (d.h. Ketzer) bezeichnet, die Heidenchristen galten ihnen einfach als Heiden. Die römische Obrigkeit behandelte die Christen bis ins 2. Jahrhundert hinein nur als innerjüdische Sekte.
Indessen war der Gegensatz der Christen zu den Juden gleich von vorn herein noch ein unendlich größerer als der, daß jene in Jesu den gekommenen Messias sahen, während diese noch einen künftigen Messias glaubten erwarten zu müssen. Obgleich in seiner ursprünglichen Gestalt und auch für das Bewußtsein seiner ersten Bekenner nur die „Erfüllung von Gesetz und Propheten” und daher, wenn nicht ausschließlich doch vorzugsweise für das Volk Israel bestimmt, trug die Botschaft von Jesu dem Christus von Anfang an eine die Schranken des Judentums mit Notwendigkeit durchbrechende geistige Macht in sich, und es sammelte sich schon ein Menschenalter nach Jesu Kreuzestod seine Bekenner fast ausschließlich aus der Masse der Heiden.
Der neue durch Jesus selbt in den alten Messiasglauben hineingelegte religiöse Gehalt führte mit der Zeit von selbst dazu, „die alten Schläuche zu zerreißen”. Während die „Judenchristen” sich nach wie vor an das Gesetz Israels gebunden erachteten, zog Paulus zuerst aus dem „Ärgernis des Kreuzes” die Konsequenz, daß durch den Sühntod des Messias das Gesetz aufgehoben und die Scheidewand zwischen Juden und Heiden niedergerissen sei.
Selbständige Religion
Ungeachtet der unerschütterten Anerkennung der alttestamentlichen Offenbarung als der Vorbereitung als der Vorbereitung der mit Christus gekommenen Erfüllung trat das Christentum immer bestimmter, als eine selbständige Religion sowohl dem Judentum als dem Heidentum gegenüber und stellte sich als die höhere Einheit dar, in welche beide vorchristliche Religionsformen aufzugehen bestimmt waren. Dem Heidentum stand das Christentum von vorn herein vermöge seines ihm mit dem Judentum gemeinsamen Glaubens an den Einen Gott gegensätzlich gegenüber. Aber schon um die Mitte des 2. Jahrhunderts konnten philosophisch gebildete Christen sich der Anerkennung nicht entziehen, daß auch im Heidentum auf Christus vorbereitende Elemente und eine Wirksamkeit desselben göttlichen Prinzips, welches im Christentum zu vollen Wirklichkeit gekommen sei, vorhanden waren.
Die neuere Philosophie der Geschichte hat diesen Sachverhalt geradezu dahin bestimmen wollen, daß das Christentum als das Gesamtprodukt sowohl des jüdischen als des heidnischen Geistes zu der Zeit, als beide über sich selbst als gleicherweise einseitig hinausstrebten, zu begreifen seiL: eine Ansicht, an welcher jedenfalls das Richtige ist, daß das Christentum bei seinem Eintritt in die Geschichte auch die heidnische Welt zu seiner Aufnahme vorbereitet fand und selbst auch in dem Maße, als es von der jüdischen Hülle sich löste, heidnische Bildungselemente in sich aufnahm.
Zentralfigur Jesus Christus
Das eigentümliche Wesen des Christentums ist aber nicht aus einem bloßen Verschmelzungsprozesse von Judentum und Heidentum, sondern nur aus der geschichtlichen Persönlichkeit dessen, der ihm den Ursprung gab, und aus der Bedeutung, welche diese Person von Anfang an für das Glaubensleben ihrer Bekenner hatte, zu erklären. Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß (abgesehen vom Buddhismus) nur das Christentum der Persönlichkeit seines Stifters eine zentrale Stellung in dem religiösen Bewußtsein seiner Bekenner eingeräumt und die Frage nach der Bedeutung dieser Person zu der eigentlich religiösen Kardinalfrage erhoben hat, während weder das Judentum noch irgend eine andere außerchristlichen Religion über die Persönlichkeit des Religionsstifters selsbt eine eigene Lehre aufstellt, geschweige diese Lehre zur Haupt- und Grundlehre des gemeinsamen "Glaubens" erhebt.
Daß diese fundamentale Bedeutung der Person Jesu für seine Bekenner nicht gleich von Anfang an von allen christlichen Parteien mit gleicher Entschiedenheit hervorgehoben wurde, kann die Wichtigkeit dieser Tatsache um so weniger abschwächen, als es ganz in der Natur der Sache liegt, daß ein neues Prinzip nicht gleich von vorn herein in seiner ganzen Tragweite erkannt wird. Ebensowenig kann für die geschichtliche Würdigung des Christentums die moderne Anschauungsweise zunächst in Betracht kommen, welche zwischen Idee und Geschichte sorgfältig zu scheiden und das bleibende Wesen des Christentums auch abgesehen von der Person seines Stifters zu ermitteln sucht. Denn was auch Berechtigtes an diesen Versuchen sei, die Tatsache bleibt jedenfalls stehen, daß die christliche Religion als solche von dieser eigentümlichen Beziehung der Idee auf die Geschichte und die geschichtliche Persönlichkeit Jesu ihren eigentümlichen Charakter erhalten hat.
Alles, was die christliche Frömmigkeit einerseits von der Offenbarung des göttlichen Willens, andererseit von der Vollendung alles religiösen Lebens im Christentum auszusagen sich gedrungen fühlt, hat sie von vornherein in ihrer Vorstellung von der Person Christi niedergelegt. Die im Christentum einfach die "Vollendung des Gesetzes und der Propheten" sahen, betrachteten Christum als den "Sohn Gottes" im Sinne der jüdischen Messiasidee, also als eine wesentlich menschliche, aber mit dem Geiste Gottes gesalbte Persönlichkeit, als den vollkommenen Gerechten, den "Knechte Gottes" und den Propheten der Wahrheit; die es mit Paulus als einen neuen Gottesbund mit den Menschen, als eine Botschaft von der sündenvergebenden Gnade und der Befreiung vom Gesetzesfluche betrachteten, erkannten in ihm das persönliche Abbild des himmlichen Vaters, den "Sohn Gottes" vom Himmel her, der die Menschen durch seine Kreuzestod von den Sünden befreit, mit dem Vater versöhnt und aus dem Stande der Knechtschaft zur Freiheit der Kinder Gottes erhoben habe.
Je tiefer man sich des Christentums als der schlechthin vollkommenen Offenbarung Gottes bewußt wurde, desto unabweisbarer suchte die Frömmigkeit ihren höchsten Ausdruck in der Lehre von der wesentlichen Gottheit Christi zu gewinnen und diese nach allen Beziehungen hin zu festen dogmatischen Vorstellungsformen auszuprägen, doch ohne daß man dabei auf die wahre Menschheit Christi verzichten wollte.

