Capito, Wolfgang

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1478-1541

Der Mann, den Matthäus Zell zu tatkräftiger Mitwirkung am Reformationswerk gewann, hatte bereits ein reichbewegtes Leben hinter sich und sich auf vielen Wissensgebieten umgesehen, war auch schon zu hohen Ehren gelangt, als er sich in Straßburg niederließ. Der Sohn eines angesehenen Ratsherrn in der unterelsässischen Stadt Hagenau, des Schmiedemeisters Johannes Köpfel, studierte er in Freiburg zuerst Medizin. Schon mit 20 Jahren hatte er den Dr. med. erworben. Daß das nach so kurzem Studium möglich war, hing mit dem noch sehr unvollkommenen Zustand der medizinischen Wissenschaft im 15. Jahrhundert zusammen. In Freiburg bleibend, wandte er sich nun der Rechtswissenschaft und dann der Theologie zu.

Theologie studieren bedeutete damals aber, sich mit der Scholastik vertraut machen. Scholastik heißt eigentlich Schulweisheit, das, was in den Schulen gelehrt wird. Gelehrt wurde, was die Kirche für wertvollen Wissensstoff hielt; ihre Lehrsätze suchte man durch Berufung auf die Aussprüche der heiligen Schrift, der Kirchenväter und anderer großer Theologen verstandesmäßig zu beweisen und bediente sich hierfür auch der Philosophie der Griechen. Zur Zeit, da Capito in Freiburg studierte, befand sich die Scholastik in einem Zustand des Verfalls. Die Neigung zu Begriffsspaltereien, in die sie sich verirrte, hatte bedenkliche Maße angenommen. Dem begabten Jüngling mundete denn auch die ihm vorgesetzte geistige Kost ganz und gar nicht, und, als man ihm erstaunlich früh einen Lehrauftrag erteilte, wurde er bald müde, "dieses leere Stroh zu dreschen und die armen Zuhörer von Amtes und Bestallung zu töten". Er war es daher sehr zufrieden, daß man ihn nach Bruchsal und von da nach Basel als Prediger berief.

Aber wie der Student schon sich im Widerspruch mit der damals herrschenden Theologie befand, so bereiteten dem jungen Geistlichen die traurigen kirchlichen Zustände viel innere Not. Er nahm dann wohl seine Zuflucht zu gelehrten Studien. Tief dankbar empfand er die Förderung, die er, in Basel bald auch zum Professor ernannt, durch persönliche Beziehungen mit dem großen Gelehrten Erasmus v. Rotterdam gewann. Erasmus war das Haupt der sog. Humanisten. Diese Männer lebten vor allem in der Welt des klassischen Altertums, der Griechen und Römer, die damals gleichsam neu entdeckt wurde. Der Losung "Ad fontes!" d.h. "Zurück zu den Quellen!" gehorchend, studierten sie mit Bienenfleiß die alten Schriftsteller, wurden Meister in der Beherrschung der alten Sprachen, erwarben sich dabei auch Verdienste um das kirchliche Leben. So gab Erasmus 1516 den Text des Neuen Testamentes in der griechischen Ursprache in einer nach wissenschaftlichen Grundsätzen sorgfältigst erarbeiteten Fassung heraus. Hatte Capito den Eindruck gewonnen, daß ihm die Scholastiker Steine statt Brot gegeben hatten, so übte der Humanismus eine um so größere Anziehungskraft auf ihn aus. Auch Capito leistete einen Beitrag zur Erforschung der heiligen Schrift, indem er den Psalter in der Ursprache in Druck gab.

Ein Schüler des Erasmus war damals der erste geistliche Würdenträger Deutschlands, der kardinal und Erzbischof Albrecht v. Magdeburg und Mainz, trotz aller seiner hohen geistlichen Ämter ein sehr weltlicher Fürst, den Luther vergebens für die Reformation zu gewinnen suchte. Mit Luther aber war auch Capito bereits in Briefverkehr getreten und vermochte sich dem tiefen Eindruck, den Luthers Schriften auf ihn machten, nicht zu verschließen. Als Capito dann 1519 vom Erzbischof Albrecht zum Domprediger von Mainz und bald danach zum geistlichen Rat ernannt wurde, stand er so recht zwischen zwei Feuern. Auf der einen Seite sein neuer Herr, der "Abgott zu Halle", wie ihn Luther in einer seiner Streitschriften nannte, und dann auf der andern der Wittenberger Reformator, dessen stürmisches Vorgehen Capito zwar nicht billigte, der ihn aber doch immer mehr in seinen Bann zog.

In der Stille suchte er zwischen den beiden Richtungen zu vermitteln, aber doch auch der reformatorischen Bewegung Dienste zu leisten. Er hat mit dazu beigetragen, daß Luther in Worms zu Worte kommen durfte, was den päptslichen Abgesandten sehr verstimmte. Als während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg in Wittenberg alles drunter und drüber gegangen war, und der zurückkehrende Reformator durch die Kraft seiner Persönlichkeit und seines Wortes die Ordnung wieder hergestellt und die erregten Wogen geglättet hatte, überzeugte sich Capito an Ort und Stelle davon. Nun schwanden allerlei Bedenken gegen Luthers Person, nun hielt es ihn aber auch nicht länger in der abhängigen Stellung in Halle, nun war er innerlich ganz für die Reformation gewonnen.

Er ging nach Straßburg. Zell war ihm schon von früher her bekannt. Wie wir sahen, wurde er von diesem gedrängt, offen Farbe zu bekennen. 1524 nahm er ein Pfarramt an Jung-St.Peter an. Zunächst wollte Capito die Hoffnung nicht aufgeben, daß eine Einigung zwischen Katholiken und Evangelischen doch noch möglich sei. Durchdrungen davon, daß es sowohl fromme Papisten wie fromme Lutherische gäbe, bestürme der friedliebende Mann seine Zuhörer, zu solchem Werke die Hand zu bieten. Er mußte sich aber davon überzeugen, daß sein Ziel unerreichbar sei, und es dauerte nicht mehr lange, da vertrat Capito mit der selben Eindeutigkeit wie die anderen evangelischen Pfarrer die Sache der Reformation. Nicht bloß Zell, sondern die ganze geistige Luft Straßburgs, die tapfere Entschiedenheit, mit der hier gekämpft, gewagt und gelitten wurde, hatte ihn innerlich umgewandelt.

Freilich zu den Heißspornen - und die gab es dort auch - gehörte er nicht; den ihm eigenen Zug zu Mäßigung und Besonnenheit verleugnete er auch weiterhin nicht. Auch blieb er ein Feind aller Streitsucht in religiösen Dingen. Alles Gezänk war dem innerlich, frommen, weitherzigen, von echter Duldsamkeit erfüllten Manne im Innersten zuwider.

Der Straßburger Reformation leistete er auch durch sein Vertrautheit in der Behandlung geschäftlicher Angelegenheiten und sein Geschick in der Menschenbehandlung wertvolle Dienste. In kurzer Zeit erwarb er sich das Vertrauen ebensowohl des Rates wie der Bürgerschaft. Als dann der 13 Jahre jüngere [[Martin Bucer|Bucer] nach Straßburg kam, verband beide bald eine enge Freundschaft. Neidlos erkannte Capito die größere Gabe des energischeren, mehr vorwärtsdrängenden und temperamentvolleren jungen Freundes an, und sah in ihm den berufenen Steuermann für das Schiff der Straßburger Kirche. Durch viel Klippen mußte es hindurch, manchen Sturm bestehen. In solchen Zeiten entrang sich der Seel Capitos das gebet um Frieden:

Gib Fried zu unsrer Zeit, o Herr,
Groß Not ist jetzt vorhanden;
Der Feind begehrt nichts anderes mehr,
Denn daß er bring zu Schanden
Den Namen Christ
Und dämpf mit List
Wahrn Gottesdienst auf Erden.
Den uns erhalt
Durch dein' Gewalt;
Du hilfst allein in Gfährden.

Gib Fried, denn wir verloren han
Durch Unglaub und bös Leben.
Dein Wort hast uns geboten an,
Dem wir all widerstreben.
Denn wir zum Teil
Dies unser Heil
Mit frevler Gwalt austreiben,
Zum Teil ohn Grund
Bekennen rund,
Ohn herzlich Frommsein bleiben.

Gib Fried, auch deinen Geist uns send,
Der unser Herz durch Reue
Und Leid um unsre Sünd behend
In Jesu Christ erneue,
Auf daß dein Gnad
All Schand und Schad,
All Furcht und Kriegsbeschwerde
Von uns abkehr,
Dadurch dein' Ehr
Bei allem Volk groß werde.

Am inneren Aufbau seiner Kirche war Capito, der Leiter des Kirchenkonvents und Lehrer der Wissenschaft vom Alten Testament, hervorragend beteiligt. Er schenkte ihr auch ein feines Morgenlied:

Die Nacht ist hin, der Tag bricht an;
Zu Gott ruf innig jedermann,
Daß er uns heut Herz, Mund und Hand
Bewahr vor Sünd und eitlem Tand.

Die Zung lenk mit Bescheidenheit,
Daß sie nicht anstift Herzeleid;
Die Augen halt in steter Hut,
Daß sie nicht blend der Erde Gut.

Ein rein Herz gib nach Glaubens Art,
Das allzeit schau die Gottheit zart
Und mäßig leb ohn falschen Wahn,
Dem stolzen Fleisch nicht untertan.

Auf daß wir all zu Nacht mit Fleiß
Dir, Vater sagen Ehr und Preis
Durch Christum mit viel minder Schuld
Und mit mehr deiner Gnaden Huld

Gott Vater sei Lob, Ehr und Preis
Und seinem Sohne gleicherweis,
Des heilgen Geisten Gütigkeit
Von nun an bis in Ewigkeit.

Für die Jugend schrieb Capito ein "Kinderbericht", ein merkwürdiges Seitenstück zu Luthers Kleinem Kathechismus. Er setzte sich aber auch da mit ganzer Kraft ein, wo es galt, über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus an der Stärkung des Zusammenhalts zwischen den Evangelischen zu arbeiten. Manche Reise stand im Dienste dieses Zieles.

So war es nicht bloß für die Straßburger Kirche, sondern für den ganzen Protestantismus deutscher Zunge ein harter Verlust, als Capito 1541 von der Pest dahingerafft wurde. Als die tückische Krankheit nach ihm griff, hatte man noch Hoffnung auf Erhaltung seines Lebens. "Letzten Sonntag", schrieb Bucer, "wurde auch Capito von dem Übel befallen. Es trat zwar nicht so heftig bei ihm auf, so daß noch einige Hoffnung bleibt. Bittet, o ihr Brüder, bittet den Herrn!... Nicht allein die Fremden, sondern auch die Unsern können gar nicht ermessen, was für einen unersetzlichen Verlust die Kirche an diesem Manne erleiden würde. O Herr Jesu, schenke uns deinen Diener, wäre es auch nur für zwei jahre noch!" Aber bald schon erhielt Bucer von seinem Freunde Hedio der Trauernachricht: "Eben als ich die Kanzel besteigen wollte, wird mir der Tod des teuren Capito gemeldet. Beinahe wäre ich auf der Stelle zusammengebrochen. War er doch unser aller Vater, ein Vater der Kirche. Ich und meine Frau sitzen hier einsam zu Hause und weinen. Die Witwe habe ich schriftlich getröstet, denn persönlich wäre ich es nicht imstande".

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