Bucer, Martin

Aus Encyclopaedia Germanica

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Als armer Leute Kind, der Sohn eines Küblers und einer Hebamme, wurde Martin Bucer am 11. November 1491 in Schlettstadt geboren. Als seine Eltern nach einigen Jahren nach Straßburg zogen, ließen ihr Kind bei dem Großvater Bucer zurück, wohl damit es hier die Lateinschule besuchen könne. In sie wurde der kleine Martin auch aufgenommen, doch schon mit 15 Jahren nahm er die Kutte und trat bei den Dominikanern ein, "der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb". Der Großvater hatte gedroht, seine Hand von ihm abzuziehen, wenn er sich weigerte, und die Mönche hatten es an Lockungen nicht fehlen lassen. Schon 1507 legte er das Mönchsgelübde ab. Er selbst erzählt von seiner schweren Jugend:

Also hab'ich mich bereden lassen, weil ich zur Lehre sonst von den Meinen keiner Hilfe durfte gewärtig sein, weil ich den Mönchen glaubte, daß, wenn ich im Orden bliebe, ich nicht könnte verdammt werden, und weil ich die Schande und meiner Verwandten Ungunst fürchtete, so wie auch ein unglücklich Leben samt einem elenden Tod, wenn ich wieder austräte. Es ist also an mir das Sprichwort wahr geworden: die Verzweiflung macht einen Mönch. Und das ist meiner Möncherei Anfang... Von dem Leben, das ich im Kloster, von der zarten Jugend an, gelehrt worden bin, sage ich nicht mehr als: Gott erbarm' sich über sie und mich, verzeih'uns und lehre uns ein besseres, wiewohl, ohne Ruhm geredet, ich mit zu denen gezählt wurde, so eines frommen und tadellosen Wandels geachtet waren; darum bin ich aber nicht desto besser und gar nichts gerechtfertigt.

Die erste große Enttäuschung, die er im Kloster erlebte, war die, daß die Mönche dem wißbegierigen Jüngling seine lateinischen Bücher, der er mit Spargroschen sich erworben hatte, wegnahmen und ihm dafür "sophistische Tandmären" in die Hand drückten. Auch wurde es ihm sauer, niedere Dienste verrichten zu müssen, wo es ihn doch zum Studium hindrängte. "Will einer studieren, so muß er statt dessen gehen Käse sammeln", stellt er nicht ohne Bitterkeit fest. Studiert hat er aber dennoch und mit solch offensichtlichem Erfolg, daß seine Oberen auf ihn aufmerksam wurden und ihn zur Fortsetzung seiner Studien in das Ordenshaus nach Heidelberg schickten, ihm damit seinen sehnlichen Wunsch erfüllend (1517). Nun folgten den zehn Jahren im Schlettstadter Kloster vier in Heidelberg. Die Stadt am Neckar, Sitz einer Universität, war damals eine Pflegestätte des deutschen Humanismus. Ihr Führer Erasmus v. Rotterdam, hatte gerade eben (1516) das Neue Testament in der griechischen Ursprache neu herausgegeben und in einem flammenden Aufruf die Christenheit aufgerufen, ihren Glauben und ihre Theologie allein auf die heilige Schrift zu gründen. Was er unter Erneuerung des Christentums verstand, was etwas anderes, als was die Kirche darunter verstand. Vom Mönchtum hielt er nicht viel, und vom hohen Wert der Fastenübungen, der Wallfahrten und der Heiligenverehrung war bei ihm auch nichts zu lesen. Bucer wurde ein begeisterter "Erasmianer"; er legte sich eine Sparbüchse an, um alle Schriften des Meisters kaufen zu können.

Aber bald trat in seinen Gesichtskreis ein anderer, der war größer und frömmer als Erasmus: Martin Luther. 1518 fand in Heidelberg ein Konvent des Augustinerordens statt, an dem auch der junge Professor von Wittenberg teilnahm, der durch seine 98 Thesen über Nacht so berühmt geworden war. In einer öffentlichen Disputation verteidigte Luther seine Kreuzestheologie. Bucer war zugegen. Das ist die entscheidende Stunde seines Lebens gewesen. Er schrieb darüber an einen ehemaligen Schulkameraden:

Wie sehr auch unsere Hautkämpen sich anstrengten, Luther mit aller Macht ihrer spitzfindigen Einwürfe aus dem Sattel zu heben, so vermochten sie ihm doch nicht um einen Finger breit etwas abzugewinnen. Es ist zum Bewundern, mit welcher Anmut er antwortet, mit welcher unvergleichlichen Langmut er den Gegner anhört und mit welchem paulinischen und nicht scholastischen Scharfsinn er den Knoten der Einwürfe erfaßt und auflöst, so daß er durch seine ebenso kurzen und triftigen als rein aus dem Schatz der heiligen Schriften geschöpften Antworten beinahe alle zur Bewunderung hinriß.

Der Eindruck, den Bucer von Luther erhielt, wurde noch vertieft, als der Elsässer Gelegenheit bekam, mit dem Wittenberger in persönliche Fühlung zu treten. Begeistert schrieb er einem Schlettstadter Freunde: "Luther war mein Gast bei dem Mahl, welches nicht durch leckerhafte Speisen, aber durch köstlichen Austausch der Gedanken und erwünschte Belehrung von seiner Seite gewürzt war. Er stimmt mit Erasmus überein und steht über ihm, insofern er offen und frei heraussagt, was jener nur verdeckt andeutet. O wenn ich nur Zeit hätte, dir noch mehr von diesem Manne zu schreiben!" Auch Luther hatte Gefallen an jener Besprechung gehabt: "Er ist wert, daß man ihn liebe und ihm Treue erzeige. Man darf etwas Tüchtiges von ihm erwarten."

Der entgegengesetzten Meinung waren die Heidelberger Dominikaner. Ihn hatte natürlich die innere Wandlung, die sich in Bucer vollzogen hatte, nicht verborgen bleiben können. Dem Ordensbruder einers Tetzel und eines Kardinals Cajetan wurde seine Hinneigung zur Ketzerei sehr verdacht. So hatte Bucer reichlich Grund, sich von Heidelberg wegzusehnen. Er folgte daher gerne einer Einladung eines ihm befreundeten Domherrn nach Speyer und von da aus einer solchen Ulrichs v. Hutten, des streitbaren Kämpfers gegen Rom, auf die Ebernburg. Als Luther nach Worms zog, um sich dort vor Kaiser und Reich zu verantworten, überbrachte ihm Bucer in Oppenheim ein Schreiben, das ihm im Auftrage Franz v. Sickingens aufforderte, statt ach Worms weiterzureisen, auf die Ebernburg zu kommen. Der kaiserliche Beichtvater hatte die Sache eingefädelt. Luthers Antwort ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Nach Worms bin ich gerufen und nach Worms will ich ziehen in Gottes Namen. Hat der kaiserliche Beichtvater mir etwas zu sagen, so kann es dort geschehen." Luther setzte seine Reise fort. Bucer, nachdem er Hutten und Sickingen Luthers Bescheid auf die Ebernburg gebracht hatte, eilte mit neuen Briefen nach Worms und hat dort am 15. April 1521 jene weltgeschichtliche Stunde miterlebt, da Luther vor dem versammelten Reichstag in gewaltiger Rede sich verteidigte und einen Widerruf verweigerte.

Wie Luther befand ich damals auch Bucer in Lebensgefahr, da eine Anzeige gegen ihn wegen Klosterflucht erstattet worden war und der päpstliche Legat gegen den "unruhigen und gefährlichen" Menschen nichts Gutes im Schilde führte. Aber bald besserte sich seine Lage dadurch, daß seiner Bitte entsprochen wurde und man ihn seines Mönchesgelübde entband, da er "in so zartem Alter die Kutte genommen und durch Furcht und Zwang betrieben worden, Profeß zu tun [d.h. das Mönchesgelübde abzulegen]." Nun unterstand er nicht mehr der Gerichtsbarkeit des Ordens und galt als Weltpriester. Als solchen finden wir ihn zunächst (für ein Jahr) als Hofkaplan des Pfalzgrafen Friedrich in Worms und Nürnberg, sodann als Pfarrer der Sickingischen Pfarrei Landstuhl (in der Pfalz). In Landstuhl trat Bucer in den Ehestand. Der einstige Mönch heiratete eine früherer Nonne, die gleich wie Bucer "in jungen und unverständigen Jahren" fürs Kloster bestimmt worden war. Elisabeth Silbereisen, die Tochter eines Schmiedemeisters aus Mosbach am Neckar, wurde ihrem Manne durch zwanzig Jahre eine aufopfernde Lebensgefährtin2. Seine Tätigkeit in Landstuhl wurde oft auf Veranlassung Sickingens durch Reisen unterbrochen, die Bucer auch einmal nach Antwerpen führten. Eine zwischen Sickingen und dem Erzbischof von Trier ausgebrochene Fehde bereitete ihr bald ein Ende. Non wollte Bucer sich in Wittenberg zu Füßen Luthers theologischen Studien ergeben, da veranlaßte ihn unterwegs der evangelisch gesinnte, aber des Predigens ungewohnte Pfarrer Motherer in Weißenburg (Elsaß) ihm als Mitarbeiter an die Seite zu treten.

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