Mickiewicz, Adam
Aus Encyclopaedia Germanica
Adam Mickiewicz, geboren am 24. Dezember 1798 zu Novogrudok in Weißrußland und gestorben am 28. November 1855 in Konstantinopel, war ein polnischer Dichter.
Leben
Adam Mickiewicz studierte in Vilnius, wo 1822 die erste Sammlung seiner Balladen und Romanzen erschien, und wurde sodann Professor der Litteratur am Gymnasium zu Kaunas. Unglückliche Liebe inspirierte den Dichter hier zu seiner ersten größern Schöpfung, einem dramatischen Fragment, Dziady (Totenfeier, 1823; deutsch von S. Lipiner, Leipzig 1887) genannt, worin er neben seinem persönlichen Schmerz den Verzweiflungsruf seiner geknechteten Nation in ergreifender Weise ertönen läßt.
Wegen Teilnahme an einer Studentenverbindung 1824 verhaftet und nach dem Inneren Rußlands verbannt, lebte er in Moskau, besuchte von hier aus die Krim, die er in Sonetten aus der Krim besang (deutsch von P. Cornelius, Leipzig 1868), und ließ sich dann in Petersburg nieder. Sein erstes Epos: Konrad Wallenrod (Petersbur 1828, Leipzig 1858; deutsch von Kannegießer, das. 1834; von Weiß, Bremen 1871), künstlerisch vollendeter als die Totenfeier, gewann unter den Polen die Popularität eines Nationalepos und trug viel zur Weckung des Nationalgefühls bei. Der Stoff dieses Gedichts wie auch zu Mickiewicz' zweiter epischer Dichtung: Grażyna (deutsch von Nabielak und Werner, Posen 1851; von Weiß, Prag 1876), ist den Verzweiflungskämpfen der Litauer gegen den Orden der Deutschherren entlehnt.
Ab 1829 bereiste Mickiewicz Deutschland, Frankreich und Italien. Auf die Nachricht von dem Ausbruch der polnischen Revolution wollte er nach Polen eilen, wurde aber in Posen zurückgehalten und ging hierauf nach Paris, wo er seinen Dichtungen, die 1828 in 3 Bänden erschienen waren, 1832 einen 4. Band hinzufügte. In seiner Schrift Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego (Paris 1832; deutsch unter dem Titel: Die Bücher des polnischen Volkes und der polnischen Pilgerschaft, das. 1833) behandelte er in einer der Heiligen Schrift nachgebildeten Diktion die Bestimmung Polens in der Vergangenheit und Zukunft. Zwei Jahre später erschien seine dritte epische Dichtung: Pan Tadeusz (Pariy 1834, 2 Bde.; deutsch von Spazier: Herr Thaddäus, oder der letzte Sajasd in Litauen, Leipzig 1836; von Weiß, das. 1882; von Lipiner, das. 1882), das vollendetste Werk des Dichters und die Perle der slawischen Litteraturen überhaupt.
Die Fabel spielt im Jahr 1812, das durch Napoleons I. Feldzug die polnische Nation ihre Wiederherstellung hoffen ließ, und dreht sich um eine Nachbarfehde und einen Überfall (zajazd), einen der vielen Mißbräuche, woran sich Polens Eintracht und Kraft zersplitterten. Der epische Faden, der sich durch das Gedicht zieht, ist nur ein dünner; desto reicher reihen sich daran Schilderungen litauischen Volkslebens, idyllische Landschaftsgemälde und komische Genrebilder. Unter den Naturschilderungen verdient die Beschreibung der grauenvollen Waldeinsamkeit der litauischen Urwälder besondere Hervorhebung. Nach diesem Werk hat Mickiewicz kein größeres Produkt mehr geliefert, sondern sich in historische Studien über das Slawentum vertieft. Nach kurzem Aufenthalt zu Lausanne, wo er eine Professur der lateinischen Litteratur bekleidete, wurde ihm 1840 die Professur der slawischen Litteraturen am Collège de France übertragen.
Seine 1840-43 hier gehaltenen Vorträge (Vorlesungen über slawische Litteratur und Zustände, deutsch, Leipz. 1843-44, 4 Bde.; 2. Ausg. 1849), obschon mehr durch Schwung der Phantasie als durch gründliches Quellenstudium ausgezeichnet, erregten anfangs großes Aufsehen; als sie aber nach seiner Bekanntschaft mit dem Schwärmer Towianski allmählich in eine Verherrlichung des sogen. Messianismus ausarteten, wurde er durch ein Dekret vom 12. April 1844 seiner Professur entsetzt und dieselbe seinem Freunde, dem Dichter A. Chodzko, übertragen. Not und Mangel zogen jetzt in das Haus des Dichters; auch sein Familienglück begann zu schwinden. Ludwig Napoleon ernannte ihn 1852 zum Bibliothekar einer der kaiserlichen Bibliotheken.
Während des orientalischen Kriegs reiste Mickiewicz als Abgesandter der französischen Regierung nach der Türkei; indes griff das ungewohnte Lagerleben, dem er sich unterziehen mußte, seine Gesundheit dergestalt an, daß er bereits am 28. November 1855 in Konstantinopel starb.
Der Leichnam wurde nach Paris gebracht und auf dem Friedhof zu Montmorency beerdigt. Mickiewicz ist der eigentliche Reformator der polnischen Litteratur. Neben der Volkspoesie haben Shakespeare, Goethe und vorzugsweise Byron auf ihn eingewirkt. Er ward so der Bannerträger der Romantik in seinem Land; allein er wußte dieselbe so glücklich mit den nationalen Elementen zu verschmelzen, daß er mit Recht als der polnische Nationaldichter verehrt wird. In Posen wurde ihm 1859 ein Denkmal errichtet. Seine vielfach aufgelegten Schriften (Pisma) erschienen unter anderm gesammelt Paris 1860-61, 11 Bde.; Leipzig 1862-69, 5 Bde.; in einer Volksausgabe (von Malecki) Lemberg 1885 ff., 4 Bde. Aus dem Nachlaß wurden veröffentlicht: Pierwsze wieki historii polskiéj (Das erste Jahrhundert der polnischen Geschichte, Par. 1868); Mickiewicz Briefwechsel (das. 1870-76, 3 Bde.) und Mémorial de la légion polonaise de 1848 créée en Italie (das. 1877).

